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Nach dem Missbrauch - Ruhe wieder ertragen und genießen können

(Werbung) Früher verstand ich die Menschen nicht, die gern mal Zeit für sich hatten und für die Ruhe nicht das Selbe wie Einsamkeit war. Jahrelang vermied ich Ruhe. Ich fühlte mich dann einsam und verlassen und meinen Gedanken hilflos ausgeliefert. Niemals hätte ich gedacht, dass sich das mal ändert - und niemals hätte ich gedacht, dass eine einfache Hängematte mal das Sinnbild meines Friedens, meiner Dankbarkeit und meiner beruflichen Zukunft wird.


Nach dem jahrelangen sexuellen Missbrauch und der Gewalt, die ich erfahren hatte, war Ruhe etwas, zu dem ich eine sehr gespaltene Beziehung hatte. Einerseits konnte ich keine Ruhe ertragen und ich sorgte immer dafür, von vielen Menschen umgeben zu sein, die mich ablenkten. Andererseits überforderte mich der Umgang mit anderen Menschen oft, da ich so sehr mit den Gedanken in meinem Kopf beschäftigt war und dann brauchte ich die Ruhe - aber ich konnte sie nicht genießen, im Gegenteil.


Früher waren mir Menschen, die gern alleine waren und Bücher lesen oder Texte schreiben äußerst suspekt. "Wer so ein geerdetes Leben führt, der kann nur so die Ruhe selbst sein, weil er noch nichts Schlimmes erlebt hat - weil er noch nichts Schlimmes erleben musste. Wer in einer glücklichen Familie und besinnlicher Landhausidylle aufwachsen ist, hat gut Lachen!", dachte ich immer. Ich war verbittert und zynisch solchen Menschen gegenüber. Insgeheim beneidete ich sie, ich wollte sein wie sie, ich wollte haben, was sie haben: Frieden, Ruhe, Freiheit.


Immer wenn ich zur Ruhe kam und mal Zeit für mich hatte, war ich fürchterlich deprimiert. Ich weinte viel und meine Gedanken kreisten immer nur um die Vergangenheit. Also sorgte ich dafür, dass ich möglichst selten mit mir allein war. Ich führte ein Leben, das von Ablenkung zu Ablenkung hetzte. Jahrelang schob ich so meine Probleme einfach nur so vor mir her und wie im Winter, wenn man mit einem Schneeschieber den Schnee vor sich herschiebt, wurde der Schneehaufen immer größer und schwerer zu schieben. Der Schneeberg war schließlich so groß und mächtig geworden, dass ich gezwungen war, über ihn hinüberzusteigen, wenn ich im Leben weiterkommen wollte.


Doch um diesen Berg überwinden zu können, brauchte ich gutes Werkzeug und eine Ausrüstung, die mich auf meinem Weg unterstützt. Ich lernte in jahrelanger Arbeit, meinen Selbstwert aufzubauen, meine Gedanken positiv zu regulieren und meine Vergangenheit liebevoll und versöhnlich zu betrachten. Ich lernte, den Menschen aus meiner Vergangenheit ihre Fehler, ihre Unachtsamkeit und ihre Untätigket zu verzeihen. Ich übernahm Verantwortung für mich und meine Kinder und bezwang diesen Berg aus Schuld, Scham, Wut, Hass, Angst und Schande. Und um ehrlich zu sein, musste ich das auch, wenn ich überleben wollte. Zu oft hatte ich mir eingeredet, dass mein Leben verwirkt und vorbei sei, dass es zerstört und nicht lebenswert sei.


Heute weiß ich, dass das alles Lügen waren. Ich bin davon überzeugt, dass Menschen, die besondere Dinge erlebt haben, auch eine besondere Aufgabe im Leben haben. Dass diese Menschen, die hohe Berge erklommen haben, die Verantwortung dafür tragen, auch anderen Menschen zu zeigen, wie sie ihren Berg bezwingen können und ihnen Mut zusprechen, dass das unmöglich erscheinende möglich ist.


Früher hatte ich immer die Vorstellung, ein Autor säße ständig allein irgendwo unter einem Baum, in ländlicher Idylle und Zurückgezogenheit. Ein Autor sei jemand, der die Abgeschiedenheit liebt und bei gutem Wetter seinen Schreibtisch gegen eine zwischen zwei alten Bäumen gespannte Hängematte eintauscht. Ich fand diese Vorstellung fürchterlich kitschig und abstossend, denn schließlich war Ruhe etwas Schreckliches für mich.


Wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich eines Tages genau diese Person sein würde, dann hätte ich ihn ausgelacht! Und ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich mal Schreiben und gern als Autorin mein Geld verdienen würde. Seit dem sind einige Jahre ins Land gegangen.


Als mir vor ein paar Wochen der liebe Maurits von Tropilex anbot, dass ich mir eine seiner Hängematten aussuchen dürfe, dachte ich zunächst, ich träume oder mich müsse mal jemand kneifen. Ich saß in meiner Küche und scrollte auf meinem Smartphone durch die verschiedenen Modelle von Hängematten. Und auf einmal wurden meine Augen ganz groß und mein Gesicht versteinerte, als hätte ich einen alten Geist aus der Vergangenheit gesehen. Da war sie - die sandfarbene Hängematte meiner kitschigen Autorenfantasie! Die Hängematte, die für mich das Sinnbild einer perfekten Idylle war, ist nun Realität geworden. Dieses kitschige Stück Vergangenheit hat mich nun in meiner Realität eingeholt und wollte bei mir im Garten aufgehängt werden.

Ruhe ist jetzt etwas, das ich genießen kann

"DU führst ein geerdetes Leben. DU bist die Ruhe selbst. DU lebst in einer glücklichen Familie in besinnlicher Landhausidylle und hast gut Lachen.", scheint mir dieses hellbraune Stück Stoff wohlwollend zuzusprechen. Und voller Erleichterung, Stolz und Dankbarkeit kann ich heute meine Ruhe genießen und den Weg, den ich bisher zurückgelegt habe, betrachten. Ich kann Schreiben und mich in meinen Gedanken verlieren, ohne traurig sein zu müssen. Wenn es regnerisch ist, dann verkrieche ich mich voller überfließender Ideen stundenlang hinter meinem Schreibtisch - und wenn die Sonne scheint, dann tausche ich ihn gegen die zwischen zwei alten Bäumen gespannte Hängematte. Danke, Maurits!